Wie die analoge Politik und die vernetzte Stadtgesellschaft aufeinandertreffen
3. March 2013 - 5:24 pm UhrAn diesem Sonntag demonstrieren mehrere tausend Menschen gegen den teilweisen Abriss der East Side Gallery in Berlin. Ein Abriss der politisch bereits vor mehreren Jahren beschlossen wurde. Leider hat das wohl kaum ein Bürger mitbekommen. Ein Vorgang der schön zeigt wie in Städten immer weiter die vernetzte Gesellschaft auf die analoge Politik trifft.
Als im Jahr 2008 der Bezirk und der Senat den Bau der Brommybrücke und eines Wohnturmes genehmigten war das Interesse der Bevölkerung daran klein. Es gab keine großen Proteste und erst einmal änderte sich ja nichts für die Anwohner und Touristen. Als nun aber am Freitag mit dem teilweisen Abriss der East Side Gallery begonnen werden sollte war der Protest groß. Protestierende verhinderten am Freitag vorläufig den Abriss. Am Sonntag haben dann noch einmal über 6000 Tausend Menschen gegen den Abriss demonstriert.
Für viele Medien und Politiker kommt der Protest überraschend. Spätestens mit der Genehmigung im Jahr 2008 war für die meisten das Thema durch. Leider haben die meisten dabei vergessen, dass Bezirksparlamente aber auch das Abgeordnetenhaus fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagen. Kaum ein Bürger und auch nur sehr wenige Medien verfolgen wirklich intensiv was in den Parlamenten entschieden wird.
Als nun mit dem Abriss begonnen werden sollte haben viele Bürger zum ersten mal von dem Vorhaben gehört. Dank der vernetzten Welt konnte innerhalb von wenigen Tagen und ohne große organisatorischen Schwierigkeiten eine Welle des Protestes ausgelöst werden. Dank einem Facebook Event, einer Petition bei change.org, Twitter, Blogs und Livestreams von den Protesten hat sich der Protest organisiert, ohne, dass eine große Organisation oder eine Partei dahinter steht.
Die Politik steht dem neuen Phänomen scheinbar überfordert gegenüber. Alle Parteien beteuern, dass sie gegen den Abriss sind. Bezirk und Senat schieben sich gegenseitig die Schuld am geplanten Abriss zu. Doch die ganzen Appelle kommen bei kaum einem Demonstranten an. Die meisten interessieren sich auch nicht wer nun genau für das Vorhaben verantwortlich ist. Politisch gesehen ist das Vorhaben ja auch alt und hat alle politischen Instanzen ohne größere Probleme passiert. Viele Politiker sind zudem verwundert, dass gerade jetzt und nicht schon im Jahr 2008 der Protest aufbrandet.
Eine Politik die aber immer noch nach dem alten Muster operiert kann sich nicht auf einen vernetzten Protest einstellen. Die Politik muss ihre Struktur ändern und sich der neuen vernetzten Gesellschaft anpassen. Derzeit hat man das Gefühl, dass Politik und Bürger oft dasselbe sagen aber in einer anderen Sprache und auf verschiedenen Ebenen. Eine vernetzte Politik aber muss proaktiv informieren, die Bürger frühzeitig einbeziehen und am Ende auch akzeptieren, dass sie nur Teil des Netzwerkes und nicht das Netzwerk selbst ist.





