Gauck und der Shitstorm

26. February 2012 - 4:53 pm Uhr

Als vor zwei Jahren die SPD und die Grünen Joachim Gauck als Kandidaten für die Wahl als Bundespräsidenten vorgeschlagen hatten, ging eine Welle der Begeisterung durch das Netz. Viele sahen Joachim Gauck als parteilosen, unabhängigen Kandidaten der frischen Wind in die Politik bringen würde.

Bei der jetzigen Kandidatur wiederum ist genau das Gegenteil passiert: viele haben im Internet ihren Unmut über die Kandidatur von Joachim Gauck ausgedrückt. Dies hat vor allem zwei Gründe. Erstens ist Gauck für Viele dieses mal der Kandidat der Parteien und der parteipolitischen Taktik. Durch dieses sehr taktische Verfahren der Parteien wurde der vorherig unabhängige Kandidat, tief in den Strudel der Parteipolitik gezogen. Zweitens fehlt dem Kandidaten Gauck bei dieser Kandidatur das Image des Underdogs. Eifrige Twitterer und Blogger aber mögen Underdogs.

Nun konnte man in den letzten Tagen die negativen Konsequenzen der verfügbaren Informationen des Internets beobachten. Ein großer Strom an Menschen hat sich dazu aufgemacht Informationen zu finden die man gegen den Kandidaten anbringen kann. Es wurde behauptet, dass Gauck pro Sarrazin wäre, die Occupy Bewegung für lächerlich hält und ein neoliberal-konservativer Kandidat sei. Kaum jemand hat aber mal geprüft ob diese Informationen wirklich stimmen. Sascha Lobo erklärt dieses Phänomen als stille Post.

Neben dem Problem der stillen Post, überrascht es aber auch wie stark jemand mit einer divergierenden Meinung sofort angegriffen wird. Viele Twitterer scheinen Politik nur noch in einem schwarz-weiß Schema zu sehen. Entweder man ist gegen oder für einen. Es fällt vor allem auf, dass sobald man sich aus dem aktuellen „Online“-Mainstream verabschiedet, man auch als Gegner wahrgenommen wird. An einem wirklichen Diskurs mit den Positionen scheint kein Interesse zu bestehen.

Es hat den Anschein als ob das Internet die in Deutschland bereits vorherrschende Konsenssuppe immer weiter bestärkt. Wer eine andere Meinung zu einer Sachfrage hat wird sofort persönlich angegriffen. Dabei werden alle zugänglichen Informationen zu Rate gezogen, verkürzt und teilweise sogar verdreht.

Obwohl das Internet oft für seine Möglichkeit der Meinungsvielfalt gefeiert wird, wird in Wirklichkeit eine Abweichung der linksliberalen Norm nicht akzeptiert. Wir treiben regelmäßig und mit großem Genuss immer wieder neue Kühe durchs Dorf. Anscheinend brauchen wir regelmäßig neue Feinde auf die wir einprügeln bis uns langweilig wird.

Anstatt immer wieder reaktionär auf neue Personen und Themen zu reagieren wird es endlich Zeit, dass wir einen ernsthaften Diskurs beginnen bei dem auch abweichende Meinungen toleriert werden. Nichts anderes fordern wir doch auch von den so genannten Offlinern.

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